Rotarier Dr. Martin Keller: Wie uns das Gedächtnis trügt

Montag, 8. Juli 2019
Falsche Erinnerungen: Die Ballonfahrten aus dem Experiment von Psychologin Elizabeth Loftus haben nie stattgefundenFalsche Erinnerungen: Die Ballonfahrten aus dem Experiment von Psychologin Elizabeth Loftus haben nie stattgefunden

Unser Gedächtnis, es hilft uns zu wachsen, aber auch uns zu irren.
Was hat das mit Rotary zu tun? Dr. Martin Keller, Präsident des Rotary Clubs Bad Ragaz, erklärt das Phänomen. 

Um zu wissen, wer wir sind, brauchen wir das Gedächtnis, das uns hilft in der Gegenwart eine Identität zu haben. Und dies aufgrund unserer Erinnerungen aus der Vergangenheit.

Wir haben eine liebe Frau, Freude an unseren Kindern mit ihren Freunden, seit über 30 Jahren berufliche Erfolge, ein schönes Haus mit Weinberg, ein Ferienhaus, Freunde und sind vielleicht noch fähig mit grossem Enthusiasmus hochalpin über 4000 m zu steigen. Und doch gibt es immer wieder Tage, an denen wir unzufrieden mit uns selber sind und/ oder uns über Andere ärgern.

Unser Gedächtnis brauchen wir zur Identifikation unserer Persönlichkeit. Folgende Studien haben gezeigt, wie sich das Gedächtnis im Laufe des Lebens verändert: Professor Elisabeth Loftus, Los Angeles, hat nachgewiesen, dass wir Menschen in der Retroperspektive (in unserer Kindheit) sogenannte Wahrheiten verdrehen. In einer Studie wurde im Einverständnis mit Probanden Kontakt zu den Eltern gesucht und ohne dass sie es wussten, Fotos aus der Jugend Fotomontagen hergestellt, welche sie z.B. in einem Heissluftballon darstellte. 30-40% der Exploranden konnten sich an eine Ballonfahrt erinnern, obwohl sie nie stattgefunden hatte. Sie berichteten von Details aus der Freizeitaktivität mit dem Heissluftballon.

Professor P. Roullet, Toulouse, führte Forschungen durch, die zeigten, wie wir in der Konsolidierungsphase, mit Beigabe von chemischen Substanzen, Gedächtnisinhalte verändern. Dieses Phänomen zeigt sich tagtäglich in der Polizei- und der Gerichtsarbeit, wo verschiedene Personen das gleiche Ereignis unterschiedlich erinnern.

Professor M.S.Gazzaniga, Santa Barbara LA, zeigte bei Patienten mit durchtrennter linker und rechter Hirnhälfte (diese operative Massnahme ist manchmal bei schweren generalisierten epileptischen Anfällen notwendig, wo der Anfall von einer Hirnhälfte auf die andere Hemisphäre überspringt) wie Aufgaben beim tachistoskopischen Versuch unsere beiden Hirnhälften unabhängig arbeiten und unabhängig von der anderen Hirnhälfte Entscheidungen fällen.

So gibt es Situationen, wo die linke Hemisphäre kein Bewusstsein über die Handlungen des rechten Hirnteils hat, aber die linke Hemisphäre versucht eine Hypothese zu entwerfen über das, was im rechten Hirn vorgeht. Splitbrain-Patienten fühlen sich gedrängt, die offenkundigen Handlungen der rechten Hemisphäre, welche mit der linken verbal nicht erklären kann, zu erklären.

Dies führt zu Fehlannahmen und falschen Interpretationen. Es ist also nicht nur unser Gedächtnis, sondern manchmal auch die linke und rechte Hirnhälfte, die eine Situation unterschiedlich gewichten und beurteilen.

Das Gedächtnis kann durch Fotos, Videos und Berichte so geformt und beeinflusst werden. In einer Studie des Autors wurden bei Fortbildungen 15 Personen ein Filmausschnitt gezeigt. 4 Personen mussten draussen warten und hatten keine Ahnung, was die Gruppe im Raum sah. Danach musste die Gruppe der ersten Person von draussen erzählen, was sie gesehen hat. Diese erste Person wiederum erzählte es der zweiten von draussen und die zweite der dritten und die vierte der fünften Person. Nach dem fünften Mal weitererzählen war die Handlung im Film total verdreht und mit dem ursprünglich gezeigten Filmausschnitt nicht mehr vergleichbar.

Professor Julia Shaw, London, legt in weiteren Studien dar, wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht und damit zum trügerischen Gedächtnis wird. In einer Arbeit zeigte sie, wie im Laufe von drei Sitzungen, Probanden ihre Erinnerungen von früher aktiv manipulieren. Auf diesem Weg entstehen subjektive Verzerrungen und Fälschungen im biographischen Gedächtnis.

Was hat das alles mit Rotary zu tun?

Immer wieder gibt es Tage, an denen nach der eigenen Erinnerung vieles nicht günstig verläuft und man sich ärgert. Wir fühlen uns unzulänglich, weil das trügerische Gedächtnis negative Emotionen einpflanzt. Der wöchentliche Mittagslunch mit Rotary gibt einem die Möglichkeit Freunde zu treffen, die einem helfen sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen.

Wer hat nicht schon gedacht, soll ich noch in das Rotary Meeting? Die viele Arbeit und überhaupt… Wer dann doch geht, macht nicht selten die Erfahrung, dass das Treffen von Freunden eine gute Psychohygiene darstellt, weil das negative Denken über sich und andere relativiert wird.

Mit dem Relativieren eigener Gedanken und Einstellungen wenden wir uns wieder frisch neuen Informationen zu, treten selbstbewusster auf, können Andere beschenken (und werden damit selber beschenkt) und entwickeln somit eher ein Gefühl von Dankbarkeit.